Im Kampf gegen die zunehmende rechtsextreme Gewalt setzt die Bundesregierung jetzt auch auf den Bundesgrenzschutz. Damit wolle die Regierung "den Menschen erkennbar staatlichen Schutz gewähren", sagte Bundesinnenminister Otto Schily dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Auch die Videoüberwachung auf Bahnhöfen solle ausgeweitet werden, meldet dpa am 5. August um 23.18 Uhr.
[size=+1]E[/size]in Rückblick auf die Tage zwischen dem 3. und 6. August in der Expo-Stadt Hannover jedoch vermittelt einen völlig anderen Eindruck. Versuchen, jede Form der Gewalt durch Sicherheitspartnerschaften und Gespräche zwischen der Punkszene und Polizei bzw. auch Politik zu verhindern, erteilte ja die Polizeiführung im Vorfeld eine Absage. Eine Mediensperre soll weiter suggerieren, die Chaostage fänden nicht statt. Die öffentlichkeitsarbeit der
niedersächsischen Polizei berichtet über Fahrraddiebstähle im ganzen Land, Schlägereien, Nazi-Aufkleber an Göttinger Laternen, aber weder über die Chaostage in Hannover, noch den Nazi-Aufmarsch im niedersächsischen Hamburger Umland und die entsprechenden Gegenaktionen.
Am Nachmittag des 3. August werden in Hannovers Stadtteil Linden etwa 29 Punks gesichtet, Grund für einen Einsatz mit insgesamt 64 Polizeifahrzeugen aus Hannover, Köln und Wiesbaden, darunter auch Spezialüberwachungsfahrzeuge des Bundeskriminalamtes. Etwa 20 Punks werden auf der Limmerstrasse stundenlang "eingekesselt", der Auto-, Straßenbahn und Busverkehr durch die Polizei behindert. Der Unmut der Anwohner entlädt sich auf die Polizei, als auch noch ein Punk festgenommen wird, weil er Kartoffelsalat mit Mund und Händen und nicht mit einem Löffel zu sich nimmt, es folgen nur noch Schmährufe der Anwohner auf die Polizei. Die Anwohner fordern das Abrücken der Polizei und lassen sich, wie vorher die Punks, vom Betriebsrat bis zum Kinderarzt, von der Studentin bis zum türkischen Gemüsehändler, mit Flaschenbier gegenüber dem Polizeikessel nieder. Irritiert rücken die Polizeikräfte nach Stunden ab.
[size=+2]A[/size]m 4. August wartet die Polizei in ganz Hannover vorwiegend ab, bis ihre Falle zuschnappen kann und jede Frau, jeden Mann und jedes Kind, die nach Hannover mit bunten Haaren einreisen, wiegt sie vorerst in Sicherheit. Urplötzlich wird jedoch alles mit bunten Haaren, was die Polizei sichtet, sofort von ihr zum Bahnhof geleitet, wie Knuffen, Stoßen und auch Prügeln vornehm genannt wird. Dort geht es nach Erteilen eines "Hannover-Verbotes" ab mit dem nächsten Zug Richtung Heimat. Dies dürfen aber auch Disko-BesucherInnen aus der Raver-Szene, BesucherInnen der Frauen-Sommer-Uni und sogar eine Teilnehmerin des Expo-ärztekongresses erfahren. Wer bunte Haare hat, muss verschwinden. - 18.40 Uhr Bahnhofsvorplatz in Hannover. Etwa 10 Frauen und Männer des Bundesgrenzschutzes stehen herum und nehmen keinerlei Notiz von einer Gruppe NPD-naher Naziskins, die sich (in ihrer Blickrichtung) etwa 30 Meter entfernt formiert. Die Neonazis, 2 Frauen und 10 Männer, ziehen im Marschsächritßt in den Bahnhof, zeigen den "deutschen Gruß", pöbeln Ausländer an, rufen "Punks vergasen!", marschieren unbehelligt durch den gesamten Bahnhof und verschwinden auf der Seite des Raschplatzes im Menschengewimmel.
Der Einsatzleiter des BGS, von einem Journalisten direkt darauf angesprochen, stellt sich dumm und sieht keinen Grund zum Handeln. Die Gruppenführerin einer Polizeigreiftruppe aus Rheinland-Pfalz am Raschplatz sieht es ebenfalls nicht als ihre Aufgabe an, statt Punks im zarten Kindesalter von 14 Jahren zu bewachen, den Neonazis zu folgen, dies sei nicht ihre Aufgabe. Auf den Einwand, das Zeigen des Hitlergrusses sei ein Offizialdelikt, welches sie zum Handeln verpflichte, zuckt sie nur mit der Schulter. Nochmals Hauptbahnhof gegen 23 Uhr, 3 Sicherheitsleute der Bundesbahn scheuchen mit martialischen Gesten, die Hand am Knüppel, junge Touristen aus Lateinamerika und Asien, die sich an einer (wegen Geschäftschlusses der Länden im ersten Stock des Bahnhofgebäudes sonst menschenleeren Treppe) mit ihren Rucksäcken zum Gespräch niedergelassen haben, unter dem Beifall rechter Deutscher ohne Begründung davon. Proteste von Journalisten gegen diese Maßnahme werden aggressiv mit der Androhung von Bahnhofsverbot beantwortet. Nach Mitternacht in der Nordstadt Hannovers: Drei dunkel Gekleidete zünden vor den Augen mehrerer Polizeistreifen Mülltonnen an und verschwinden unbehelligt in der Dunkelheit. Die Mülltonnen werden sofort gelöscht, aber alle nun des Weges kommenden Punks werden sofort von der Polizei "einvernommen", da es ja soeben zu "Gewalttaten" gekommen sei.
Am 5. August findet am Mittag in der Innenstadt eine friedliche genehmigte Kundgebung dagegen statt, dass die NPD bisher wochenlang jeden Samstag mit Infoständen rassistische und fremdenfeindliche Schriften unbehelligt in Hannover verteilen konnte. Einige hundert Menschen nehmen an der 90 Minuten dauernden Manifestation und Mahnwache am Schillerdenkmal teil, die Mehrzahl von ihnen junge bunte Antifa-Leute und Punks. Kaum ist die Kundgebung beendet und die Prominenz (Gewerkschafter, VVN-BdA-Landessprecher, Politiker, Medienvertreter) außer Sichtweite, werden alle anderen Kundgebungsteilnehmer in allen vier Himmelrichtungen beim "sich Entfernen" gestoppt, die Papiere werden verlangt und die Namen festgehalten. Vor C&A in Richtung Hauptbahnhof aufgegriffene Kundgebungsteilnehmer werden sogar auf offener Strasse einer Leibesvisitation unterzogen, darunter ein über 40 Jahre alter fülliger hannoverscher Künstler mit langen Haaren, der zufällig des Weges kam. Personalien werden alös Schikane auch von Menschen immer wieder verlangt, die der Polizei als Politaktivisten persönlich bekannt sind, oft von der gleichen Streifenwagenbesatzung mehrfach am Tag. Nachfragen von Journalisten, warum Teilnehmer einer friedlichen und genehmigten Kundgebung "erfasst" werden und ob sich dies mit den Grundrechten auf Demonstrations- und Meinungsfreiheit vereinbaren lasse, werden mit Hinweis auf Gefahrenabwehr abgetan.
[size=+2]A[/size]m Abend des 5. August eskaliert wieder der Polizeieinsatz. Immer wieder werden Polizeikräfte am selbstverwalteten ehemaligen Sprengelgelände in der Nordstadt zusammengezogen, wo eine Party mit Disko stattfindet, an der auch ca. 250 Menschen mit bunten Haaren teilnehmen. Polizei taucht auf, droht, verschwindet, taucht wieder auf. Kurz vor 22 Uhr dann Ultimatum und Räumung des selbstverwalteten Komplexes unter Missachtung des Hausrechtes, schwerer Knüppeleinsatz mit Unterstützung von Wasserwerfern und Tränengas. Flüchtende werden aus benachbarten Häusern geholt und sogar Wohnungen von Anwohnern des Viertels durchsucht, es könnten sich ja bei ihnen flüchtende Punks versteckt halten. Es muss nicht besonders betont werden, dass dieser Einsatz nicht gerade zivilgesellschaftlich und auch nicht unblutig ablief. Anwohner, Schaulustige und Medienvertreter werden auch eingekesselt. Punks und Bewohner des Sprengelkomplexes werden mit Handfesseln in Häusereinfahrten zum Abtransport gesammelt. Noch um eine Stunde nach Mitternacht wurde versucht, Anwohnern die Rückkehr in ihre Wohnungen zu verwehren, so einer 50-Jährigen, die mit ihren Bekannten und Gepäck von einer Reise nach Polen zurückkehrte.
Zur gleichen Zeit kocht der Unmut von Anwohnern des Viertels gegen die monatelange übertriebene Polizeipräsenz hoch. Einige Punks hatten sich in die vorwiegend von studentischem Publikum besuchte Disko "Labor" an der Universitätsmensa geflüchtet und wurden dort erst einmal mit Freibier versorgt.. Etwa 300 Diskobesucher, unterstützt von deutschen und türkischen Jugendlichen aus dem Wohngebiet Nordstadt, zogen auf die Straße und skandierten Schmährufe gegen den Polizeieinsatz und gegen die Expo. Sofort begann die Polizei auch hier massiv Fahrzeuge aufzufahren und einen Kessel vor der Disko zu bilden. Erst als sich ein Hagel von Gegenständen jeglicher Art über die Polizeikräfte ergoss, zog sie sich nach Rangeleien "deeskalierend" gegen drei Uhr nachts zurück. Der Stadtteil sah jedoch noch im Morgengrauen aus wie ein militärisch soeben besetztes Gebiet. Selbst morgendliche Kirchgänger konnten nur durch Passieren von Kontrollpunkten herein oder heraus aus dem abgeriegelten Gebiet.
6. August, 10.30 Uhr Hannover Hauptbahnhof. Polizei und BGS begleiten zum Teil lädierte Punks, humpelnd, mit Binden um Kopf oder Hände, auf die Bahnsteige zu abfahrenden Zügen. Derweil tummeln sich fünf Nazi-Skins wieder unbehelligt vom Auge des Gesetzes in der rechten Ecke des Bahnhofsvorplatzes und pöbeln mit rechten Sprüchen Passanten an.