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Donnerstag, 13. Juni 2002, 21:58

Geschichten aus dem Leben ... einfach geil

gelesen und für SPITZE befunden .... is einfach geil die Schreibe *g*


+ brief 05/2002
Harald Taglinger (http://taglinger.de)


Italien bockt oder:
1,37 EUR mit Zucker bitte

Mailand – Eine mir liebe Einrichtung in Italien ist die Espresso Bar. Nun, es gibt viele liebe Einrichtungen in diesem Land. Italien als solche ist eine, Rosenkranz betende Birkenstock-Fanatiker im Colosseum sind eine andere (Auch gern gesehen: Extrem-Töpfern in der Toskana mit Rudi, dem AOK-Therapeuten.) Aber aus dem Wagen steigen, zu Boden fallen, dem Herrn für das Überleben auf dem mailänder Stadtring danken und dann einen Espresso zu trinken... das ist irgenwie... südlich.
Zum Beispiel gibt es da diese Espressobar im Bürogebäude der Microsoft Italy, die man als nette Geste des Herrn werten darf. Er hat was gut zu machen, denn der vorgelagerte Kantinenfraß überschreitet den Rubikon meiner Verdauung selten. Nun, legère an den Tresen dieses kulinarischen Rettungsankers gelehnt befindet sich die obligatorische Preistafel mit vielen gelben Steckbuchstaben und –zahlen drauf, an die man sich voller Wehmut erinnert. Damals, als die leckere Brühe noch 1500 L kostete. Nun, streng genommen tut sie das immer noch.

Ein Espresso bei Microsoft Italy schlägt laut Tafel wie folgt zu Buche:

ESPRESSO 1500 L
1,37 EUR

Nun, man ist versucht verzweifelterweise „Machen Sie 1,43 EUR“ zum Kellner zu sagen. Und man ist irgendwie gerührt, wie eine Kulturnation, die vor 2000 Jahren ein Colosseum anlegte, um darum herum heute einen Kreisverkehr mit Bussen voller kreischender Birkenstock-Fanatiker hohllaufen zu lassen, sich an alten Werten festklammert. Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, warum soll es deshalb zum 1.1. seine Währung umstellen? Immerhin hat sich der übriggebliebene Stiefel der Antike erfolgreich gegen eine Rechtschreibreform gewehrt. Sonst würde der dortige Halbdiktator nun „Berlusskoni“ heissen, oder einfach nur „Arschloch“.

In Deutschland hingegen muß man der dortigen Gastronomie eine gewisse Kreativität in der Preisgestaltung attestieren. Anstatt wie in Italien mühevoll vor und hinter dem Komma den alten Währungswert in den neuen zu überführen, hat der deutsche Wirt einfach DEM durch EUR ersetzt. Das ist – neidlos – in seiner logischen Schönheit kaum zu überbieten und hat eigentlich nur einen Schönheitsfehler: Während man in Italien einen Espresso bestellt und mit den Cent-Münzen flucht, lautet nördlich der Alpen die Order:

„Einen Espresso und vier Strohhalme bitte. Ach ja, dürfen wir den zweiten Würfelzucker mitnehmen?“


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Schwitzen mit Ludwig, oder:
Warum ein Dampfbad an den Rand des Wahnsinns treiben kann

Schwangau – Wo wir schon gerade in Deutschland sind... Deutschland schwitzt. Das mag mit höheren Steuern zu tun haben oder dem verzweifelten Versuch, bei der kommenden Weltmeisterschaft die eigene Mannschaft nicht spontan als Pflegepersonal des Fussballrasens antreten sehen zu müssen. Es kann aber auch mit dem Aufpoppen seltsamer Schwitzeinrichtungen zu tun haben.

Mit herrlichem Blick auf Neuschwanstein hat in Schwangau eines dieser Thermalbäder aufgemacht. Nun weiss der an Geologie interessierte Mitbürger, dass Thermal-Sole oder wie dieses Salzzeug heisst in Schwangau so häufig vorkommt wie Traumschlösser in Berlin-Marzahn. Das ficht den Allgäuer allerdings nicht an. Täglich werden Tanklastzüge voller salziger Brühe herangeschafft. Der Forggensee daneben ist ja auch künstlich aufgestaut. Gut. Ich liege also neulich im „Königsbecken“, starre auf den künstlichen Marmor, die eingearbeiteten Halbedelsteine im Kunstlicht und denke mir:

Mein Gott, ist das Allgäu hässlich.

Das mag daran liegen, dass sich der Wasserspiegel meines Aufenthaltsortes spontan um drei Meter senkt, als dieser Mann aus dem Wasser steigt. Ich vermute, es war EIN Mann. So genau kann ich das nicht sagen. Eine Waage würde in seinem Fall Stein und Bein behaupten, dass sie eben von einer kompletten Fußballmannschaft samt Stadion bestiegen worden sei. Aber ich denke, es war einer. Vielleicht das Body Double von Jabba the Hut oder einfach nur der kleine Bruder von Helmut Kohl. Ich weiß es nicht. Diese Ballung von Zellsaft nahm nun Kurs aus dem „Königsbecken“ (32 Grad) in eine der Saunen (45 – 90 Grad), die eher unglücklicherweise nach Szenen von Wagner Opern benannt sind.

Kurze Einblendung, während der Mann läuft: Man stelle sich unterhalb von Neuschwanstein nun diese Jodlergruft von Thermalbad vor. Mit grünen Umkleidekabinen, gelben Gummimatten, schlechtem Marmorsurrogat, einer bayerischen Kneipe am Beckenrand, ein bisschen russischem Halbedelstein (Angeblich 3-4 Tonnen)... ich denke, dass Wagner GENAU so seine Opern umgesetzt haben wollte. Wotan reitet in Lederhosen bekleidet ein, sticht einen wehrlosen Leberkäse nieder und vereint sich sodann mit seiner Tochter Brünhilde oder mit Schwertleite oder mit Leitplanke oder wie die alle heissen im dampfenden Salzsud, während ihm von Links ein Weißbier der Aktienbräu Kaufbeuren gereicht wird. Irgendwie so.

Und mit solchen wunderbaren Visionen im Schädel sehe ich diese männliche Ballung aus dem „Ludwigsbecken“ steigen und auf eine Sauna zu laufen, die unglücklicherweise nach dem 1. Aufzug von „Tannhäuser“ benannt ist und um die 80 Grad haben soll. Der Dicke öffnet also die Tür der „Venusgrotte“ und verschwindet darin.

So hat Wagner das sicher nicht gemeint. Ab 250 Kilo sollen Menschen angeblich dem Koitus abgeschworen haben. Ich stellte mir ehrlich auch eher vor, wie ein riesiges Stück Schweinebauch den Gartengrill betritt und auf Beilagen wartet.

Das minimierte den Erholungsfaktor enorm.

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Schweigene Schweizer, oder:
Es ist alles gesagt

Zürich – Ich also neulich im Einkaufszentrum neben dem Büro mal wieder Lust auf etwas Fritiertes gehabt und zum Frittenstand gelaufen. Dort so viele Hühnchenschenkel gekauft, dass der Umsatz von Rollstühlen für Legehennen enorm gestiegen sein dürfte. Und weil an Mittagen eine Menge an Menschen Hunger auf Fritiertes haben, war Stehplatz am Tresen Mangelware.

Ich liebe das. Zeit für erneute Studien der Schweizer Volksseele.

Stelle mich also neben zwei Schweizer und denke mir: Harald, jetzt stellst Du Dich neben zwei Schweizer und hörst einmal zu, was die so zu erzählen haben, diese Schweizer. Es ist doch sicher interessant zu wissen, was der Schweizer als solcher so denkt und von sich gibt. Vor allem in der Schweiz.

Nun, zuerst schwiegen die beiden mal ein wenig. Vielleicht hätte ich den Schreibblock nicht allzu auffällig neben mich legen sollen. Also aß ich, deshalb war ich ja eigentlich da. Gut. Ich aß also, hatte ja Tonnen von Hühnerschenkeln bei mir. Die beiden auch, wir hatten also Zeit.

4 Minuten später war immer noch kein Wort gefallen. Nichts. Nada. Niente. Nun, ich konnte mir das nur so erklären, dass es den beiden sichtlich schmeckte.

12 Minuten später begann ich bereits die Kniegelenke (Der Hühnerschenkel) auszulecken. Die beiden Herren schwiegen immer noch.

Dito nach weiteren 4 Minuten. Inzwischen war ich beim Zusammenbauen der Schenkel angekommen. Das sah unauffällig aus. Notfalls konnte ich mir ja immer noch neues Ketchup holen und „Blutbad in Zürich“ spielen.

Die beiden schwiegen. Nicht eisern. Nein, irgendwie natürlich. Ich war dabei zu entdecken, worin das Geheimnis der Schweiz besteht. Man versteht sich so gut, weil man einfach gar nicht miteinander redet. Wozu auch? Es gibt Hühnchen in Hülle und Fülle, die Berge spenden Wasser, die Arbeitslosenquote liegt bei 2%. Wozu also? Ost- und Westdeutsche verständen sich viel besser, wenn sie nicht immer miteinander reden würden. Dinge wie „Wer bezahlt eigentlich Eure Stütze?“ oder „Warum bekommst Du nach 50 Jahren mein Haus?“ können vor allem bei der Einnahme eines Mittagessens enorm defokussieren.

Das sah ich ein. Trotzdem hätte ich gerne wenigstens ihre Stimmen gehört.

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Um Weiterverbreitung in unveränderter Form wird gebeten.
Signatur von »TheNobody Style«

2

Donnerstag, 13. Juni 2002, 22:08

war zwar wirklich viel Text, aber die ganzen Erzählungen/Beschreibungen sind schon gut, keine Frage :rolleyes: ;)
Signatur von »Chris« Auch ein Bonsai träumt von Größe.